Projekttage 2022


„Wenn Geld Macht ist, dann sollte Macht doch möglichst fair verteilt werden.“-

Ein Interview mit Claudia Müller, Leiterin des Female Finance Forum in Frankfurt

JV: Danke ersteinmal, dass Sie dieses Interview mit mir machen. Die erste Frage für Sie wäre, wer genau Sie sind, dass Sie dieses Projekt (Finance for Future) übernommen haben.
Claudia Müller: Ich bin Claudia Müller. Ich bin Ehemalige dieser Schule, habe mein Abi 2005 hier am Gymnasium Letmathe gemacht. Danach habe ich dann internationale Volkswirtschaftslehre studiert und vier Jahre bei der Deutschen Bundesbank gearbeitet, das ist, die Zentralbank von Deutschland. Ich war dort für das Thema nachhaltige Geldanlage zuständig, was ich so spannend fand, dass ich das dann möglichst vielen anderen Leuten beibringen wollte. Deshalb habe ich vor fünf Jahren mein Unternehmen gegründet, das Female Finance Forum, das Menschen Geld und Geldanlage beibringt. Also, wie schaffe ich es am Ende des Monats mehr Geld übrig zu haben und was mache ich dann mit diesem Geld, um es sowohl für mich selber gewinnbringend anzulegen, aber vielleicht eben auch, um für den Planeten oder die Gesellschaft etwas Gutes zu tun. Und ins Projekt bin ich gekommen, da ich mit Herrn Arends in Kontakt war. Der fragte mich, ob ich nicht Lust hätte hier so eine Projektwoche zu leiten. Da habe ich gesagt „Na klar, mache ich gerne.“ Ich finde einfach, dass wir das ganze Thema Finanzen viel zu wenig lernen und je früher wir es machen umso besser, Daher ist es einfach super, wenn wir das schon in der Schule lernen.
JV: Worum genau geht es in dem Projekt? Also, was genau machen Sie mit den Schülerinnen und Schülern?
Claudia Müller: Angefangen haben wir beim Thema Glaubenssätze und der inneren Einstellung zu Geld. Wir lernen, wie das Geldsystem funktioniert, also auch was ist die Rolle der Zentralbank, der anderen Banken und so weiter. Dann aber auch tatsächlich das nachhaltige Investieren mit dem Schwerpunkt auf der Börse. Das heißt, wir machen auch ein Börsenspiel, und die Schülerinnen und Schüler lernen dann wirklich, wie das System funktioniert.
JV: Haben Sie auch schon eine Idee, was Sie zum Endprodukt Ihres Projektes machen mit den Schülerinnen und Schülern?
Claudia Müller: Also das eine wird sein, dass man sehen wird, wie die Schülerinnen und Schüler investiert haben und als Kurve sieht, wie sich alles entwickelt. Wir können jetzt nicht, wie andere Projekte das vielleicht machen, einen Essenskorb erstellen oder so, das würde inhaltlich nicht passen. Aber was wir identisch machen wollen, ist zu überlegen, welche Themen die Schülerinnen und Schüler so wichtig finden, dass sie das gerne noch weiteren jüngeren Jahrgangsklassen beibringen würden. Dadurch können wir Finanzbildung nachhaltig an der Schule etablieren.
JV: Machen die Schülerinnen und Schüler denn auch schön mit, also sind sie engagiert und freuen sich an dem Thema?
Claudia Müller: Bis jetzt auf jeden Fall; man merkt, wie schnell das Thema Geld emotional wird, was man vielleicht gar nicht so denken würde. Es sind die Themen Gerechtigkeit und wer braucht denn wieviel, warum braucht man überhaupt so viel Geld, ist es unmoralisch? Das sind die großen Themen, welche da schnell durchkommen und das macht es so spannend.
JV: Wie viele Schülerinnen und Schüler sind das jetzt in Ihrem Projekt?
Claudia Müller: Also, ursprünglich waren es 23, aber ich glaube, eine kam später noch dazu. Es müssten also theoretisch 24 sein, aber ich weiß es nicht genau, also ich habe nicht durchgezählt.
JV: Wie alt sind die Schülerinnen und Schüler ungefähr?
Claudia Müller: Die meisten sind zwischen 13 und 18, also die Jahrgangsstufen 8-Q2.
JV: Wann genau haben Sie angefangen, sich für dieses Thema, also Finanzen generell, zu interessieren?
Claudia Müller: Ich hatte schon lange den Gedanken „Geld ist Macht“. Und ich habe ein starkes Gerechtigkeitsgefühl in mir. Das heißt, ich habe mir gedacht, wenn Geld Macht ist, dann sollte Macht doch möglichst fair verteilt werden. Das heißt, alle Menschen brauchen gleichviel Geld oder zumindest die gleiche Chance, zu Geld zu kommen, und dafür brauchen wir das Wissen, wie das System funktioniert, das Geldsystem. Das war mit ein Grund, warum ich mein Studium gewählt habe, gegen Ende der Schulzeit kam das, dass ich mich so für Wirtschaftsthemen interessiert habe, und die Idee ins Finanzsystem zu gehen, kam während meines Studiums. Da habe ich gedacht, ich möchte zu einer Zentralbank und da dafür sorgen, dass das Finanzsystem als Ganzes stabil bleibt. Das war 2011/12. Also vor zehn Jahren.
JV: Man hat mir gesagt, dass Sie sich hauptsächlich oder nur auf Beratung von Frauen beziehen, warum genau ist das so?
Claudia Müller: Hier in der Schule ist die gruppe gemischt. Und: Auch Männer haben keine Ahnung von Finanzen; das Wissen ist für alle wichtig. Aber Frauen wählen häufig Berufe, die weniger gut bezahlt werden und arbeiten viel häufiger in Teilzeit. Das heißt, sie haben weniger Geld. Wenn wir jetzt aber der Meinung sind, dass Geld Macht ist, dann führt das dazu, dass Frauen automatisch weniger Macht haben und weniger Entscheidungsfreiheit haben; ihr Leben weniger selber gestalten können, sondern viel mehr abhängig sind. Von ihrem Job, von ihrer Ehepartnerin oder ihrem Ehepartner. Und diese Abhängigkeit möchte ich eben auflösen. Und deswegen das Thema Frauen.
JV: Wenn Sie mit anderen Menschen darüber reden, dass Sie hauptsächlich mit Frauen arbeiten, gibt es dann auch häufiger Mal negative Reaktionen, oder reagieren eigentlich alle relativ normal darauf?
Claudia Müller: Die meisten sehen das ein. Also den meisten ist das sofort klar. Besonders wenn ich die Zahlen auf den Tisch lege: Wie viel Rente bekommt ein Mann, wie viel Rente bekommt eine Frau. Oder auch eben, wie viel Geld verdient man so übers Leben. Es ist öfters so, dass ich Männer habe, die sagen: „Ich möchte dieses Wissen auch. Ich hätte das auch gerne, wo finde ich das?“ Aber denen gebe ich dann andere Informationsquellen, denn davon gibt es ja genug da draußen. Dann werden sie auch zufrieden. Wie gesagt, für Schülerinnen und Schüler würde ich es immer gemischt machen und nicht nur die Schülerinnen, sondern eben auch für die Schüler. Weil das Wissen für alle immens wichtig ist.
JV: Gibt es irgendwelche erschreckenden oder nicht weit verbreiteten Informationen, wie stark der Unterschied zwischen Männern und Frauen im Verdienst ist?
Claudia Müller: Ja, die Informationen gibt es. Das Problem ist, dass die Leute, das nicht so merken, oder eben sagen: „Na ja, ich bin eben mehr Zuhause, um mich um die Kinder zu kümmern, dann ist klar, dass ich dafür nicht bezahlt werde“. Aber nicht darüber nachdenken, was das für ihre gesamte Karriere bedeutet. Es wird zu einem Problem, wenn die Beziehung endet. Wenn ich die Zahlen so knallhart auf den Tisch lege, dann werden die Augen ganz groß und dann entsteht da ein gewisses Bewusstsein, dafür dass man wirklich etwas machen muss. Oder auch mit dem Partner oder der Partnerin besprechen muss. Es kann ja völlig in Ordnung sein, dass der eine mehr arbeitet und die andere sich mehr auf die Familie konzentriert. Aber dann muss man besprechen, wie man das löst, falls die Ehe auseinander geht, damit nicht eine Person finanziell am Boden ist, sondern dass dann beide die Auswirkungen gleich verteilen.
JV: Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch.
Das Interview führte Johanna Vial 9c


Claudia Müller mit Gruppe

FemaleFinanceForum